| Erziehung nach Kibiz geht nicht |
| Dienstag, den 01. April 2008 um 13:39 Uhr | |||||
Wenn das Kinderbildungsgesetz etwas gutes hat, dann nur, dass noch nie so intensiv über frühkindliche Erziehung diskutiert wurdeMan muss nur lange genug suchen, dann findet sich auch im neuen Kinderbildungsgesetz (Kibiz) etwas positives. "Noch nie wurde so intensiv über Kindergärten diskutiert", sagte Annette Willutzki, Leiterin des Holzwickeder HEV-Kindergartens. Das war's aus Ihrer Sicht aber auch schon mit dem Lob. "Mehr fällt mir auch nicht ein", ergänzt Sabine Röth, Leiterin der elterninitiative Montessori-Kinderhaus Unna. Die Messe ist gelesen, die Kindergärten haben die Eltern über die Auswirkungen des neuen Gesetzes informiert, die Anmeldungen sind gelaufen, geschlossen wurde noch keine Einrichtung. War die ganze Kibiz-Diskussion eventuell nicht mehr als lediglich ein Aufbäumen gegen die Landesregierung? "Nein" sagt Friedrich-Wilhelm Rebbe, Fachbereich für Familie und Jugend beim Kreis Unna. "Einige Einrichtungen kämpfen wirklich ums Überleben. Durch die Starren Vorgaben bleibt, kaum noch Spielraum", kritisiert er. Die Umsetzung ist fern der RealitätAnnette Willutzki ist überzeugt, dass das Arbeiten in den von der Landesregierung vorgegebenen Gruppenformen überhaupt nicht möglich ist. "Nehmen wir die Gruppenformen, die das Kibiz hervorbringt. Die helfen doch keinem Kind." In der Gruppenform 1 sind 20 Kinder von zwei bis sechs Jahren untergebracht - mit zwei Erzieherinen. "Angenommen in dieser Gruppe gibt es fünf Zweijährige, dann wird eine Mitarbeiterin kontinuierlich nur Pflegearbeit durchführen", sagt Sabine Röth. "Vor Kibiz gab es in solchen Gruppen drei Erzieherinnen. Ein Kindergarten-Leben strengt nach Kibiz sei nicht umsetzbar. Das ist nicht nur das Fazit der Expertinnen, auch Rebbe sagt das. Das Trio, von unserer Redaktion zum Expertengespräch eingeladen, ist fast immer der selben Meinung. Das Kibiz habe zwar einen bildungspolitischen Auftrag formuliert, der könne aber unmöglich mit den vorgeschriebenen Personalschlüsseln umgesetzt werden. "Wir wollen für jedes Kind eine Bildungsdokumentation machen, das macht auch Sinn, das ist sogar wichtig, aber wie sollen das die Pädagogen in der Praxis machen?, fragt Sabine Röth. So berechtigt die Ansprüche, so fern der Realität ist die Umsetzung. In den festgeschrieben Zeitkorridoren, zumindest bei einer 25-Stunden-Buchung, ist das unmöglich. Annette Willutzki sagt's pointiert: "25 Stunden ist satt und glücklich, mehr aber auch nicht."
Obwohl viele Kindergärten den Eltern deutlich gemacht haben, wie wenig Spielraum eine 25-Stunden-Betreuung lässt, haben etwa in Holzwickede 22 Eltern für Ihr Kind diese Betreuungsform gewählt, sagt Rebbe. Den Eltern müsse aber klar sein, dass sie dann auf bestimmte Angebote, wie etwa eine gezielte individuelle Förderung, keinen Anspruch haben. "Das finde ich nicht gut, das hat der Gesetzgeber so vorgesehen", sagr Rebbe. Um den Graben zwischen 25 und 35 Stunden nicht allzu tief werden lassen, haben der Kreis Unna und die Stadt Unna die Elternbeiträge für die 25-Stunden- nah an der 35-Stunden-Betreuung angesiedelt. Bei 25 Stunden gibt's keinen NachmittagDennoch: Zum Großeltern-Nachmittag dürfen dei 25-Stunden-Kinder nicht kommen. Aber muss denn wirklich alles 1:1 umgesetzt werden? Welche Einrichtung verweigert einem Kind neben Großeltern den Zutritt? "Mein Herz sagt 'Kommt', aber das Gesetz müssen wir jetz wirklich einmal leben, um zu zeigen: 'Leute, das geht so nicht'", betonen Annette Willutzki und Sabine Röth. Das gilt auch für einen Wechsel der Betreuungszeit innerhalb des Kindergartenjahrs. "Wenn die Mutter meint, das Kind benötigt doch eine 35-Stunde-Betreuung, muss sie bis zum nächsten Jahr warten, da ist doch keine flexieble pädagogische Arbeit mehr möglich", schimpft Sabine Röth. Dafür können Eltern aber Kombinationen zwischen einer individuellen Tagespflege (Tagesmutter) und der Einrichtung gefahren werden. "Das hat das Gesetz aber schon ermöglicht", stellt Rebbe dar. Ums Überleben kämpfen kleinere Einrichtungen. Es gibt aber auch Einrichtungen, die haben nach Kibiz 100.000 Euro mehr als vorher. Es gibt aber weitaus mehr Kindergärten, die Stellen streichen müssen. Lehrer werden dann versetzt, "ich kann keinen Kollegen woanders hinschicken", sagt Annette Willutzki.
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